Zum Inhalt springen

Heiri, Heich, Enrico – Die vielen Leben des Heinrich Brunner (1913–1977)

Eine unvollständige Lebensgeschichte aus dem Nachlass dargestelt.

Von Peter Brunner

Mit der biografischen Studie «Heiri, Heich, Enrico – Die vielen Leben des Heinrich Brunner (1913–1977)» rekonstruiert Peter Brunner das aussergewöhnliche Leben seines Onkels Heinrich «Heiri» Brunner – eines Mannes zwischen bäuerlicher Herkunft, lebensreformerischer Utopie und eigenwilligem Rückzug ins Tessin. Die Arbeit verbindet Familiengeschichte, historische Recherche und essayistische Reflexion zu einem vielschichtigen Porträt einer ungewöhnlichen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts.  

Im Zentrum steht Heinrich Brunner, der ab 1945 im abgelegenen Tessiner Weiler Meraggia eine lebensreformerische Siedlung aufbaute. Inspiriert von Vegetarismus, Naturheilkunde, Freiwirtschaft, Genossenschaftsideen und einer naturnahen Lebensweise suchte Heiri nach einem alternativen Gegenmodell zur modernen Konsumgesellschaft. Sein Ziel war ein einfaches, selbstbestimmtes Leben im Einklang mit Natur, Arbeit und Gemeinschaft.  

Die Biografie zeichnet dabei zwei grosse Lebensphasen nach: die ersten 32 Jahre mit Kindheit, Jugend, Deutschlandaufenthalt und Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg sowie die zweite Lebenshälfte in Meraggia, wo Heiri seine Vision eines reformierten Lebens praktisch umzusetzen versuchte. Besonders prägend waren seine Studienjahre im nationalsozialistischen Deutschland zwischen 1936 und 1939 sowie seine Erfahrungen als Soldat im Aktivdienst am Südportal des Gotthards. Diese Zeit beeinflusste seine Weltanschauung nachhaltig und führte zu seiner Hinwendung zur Lebensreformbewegung.  

Die Arbeit basiert auf umfangreichen Quellen aus dem Familiennachlass: handschriftliche Erinnerungen, Briefe, Fotografien, Feldpostkarten, Alltagsgegenstände und persönliche Dokumente. Dadurch entsteht ein dichter Einblick in Heiris Gedankenwelt, seine Zweifel, Ideale und Widersprüche. Peter Brunner zeigt Heiri als Suchenden – als pragmatischen Träumer, der sich zeitlebens gegen gesellschaftliche Konventionen stellte und dennoch nie ein abgeschlossenes Weltbild entwickelte.  

Ein besonderes Augenmerk gilt auch den familiären und gesellschaftlichen Hintergründen: der Kindheit im bäuerlich geprägten Umfeld, den strengen Erziehungsmustern, den Erfahrungen sozialer Enge sowie dem Spannungsfeld zwischen Stadt und Land. Immer wieder verbindet der Text persönliche Erinnerungen mit grösseren historischen Entwicklungen wie Krieg, Modernisierung, Bodenpolitik oder ökologischen Fragen.  

Meraggia erscheint dabei nicht nur als geografischer Ort, sondern als Symbol eines radikalen Lebensentwurfs. Heiri verstand das ehemalige Maiensäss als Modell einer besseren Gesellschaft – geprägt von Einfachheit, Selbstversorgung, vegetarischer Ernährung, Solidarität und einem respektvollen Umgang mit Natur und Ressourcen. Seine genossenschaftliche Vision blieb jedoch weitgehend ein Einzelprojekt.  

Die Studie versteht sich zugleich als Erinnerung gegen das Vergessen. Peter Brunner macht sichtbar, wie vielschichtig und widersprüchlich das Leben seines Onkels war – zwischen Idealismus, Rückzug, handwerklicher Kreativität und gesellschaftlicher Kritik. So entsteht das Porträt eines Menschen, der seiner Zeit in vielem voraus war und dessen Fragen nach Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Sinn heute aktueller denn je erscheinen.  

Details zur Familiengeschichte: Heiri, Heich, Enrico – Die vielen Leben des Heinrich Brunner (1913–1977) PDF

Fotos zur Lebensgeschichte meines Onkels Heinrich Brunner

V. l. n. r.: Heiri um 1936 am Zürcher Limmatquai, mit dem Unteren Mühlesteg im Hintergrund; Mitte: Meraggia um 1948–50; rechts: Heiri am Tippen